Lean Glossar · verschwendung-fluss

Work in Progress

Work in Progress ist das Material und die Aufträge zwischen Anfang und Ende des Wertstroms — die unsichtbare Bestandsmasse, die Durchlaufzeit, Qualität und Kapitalbindung direkt bestimmt.

Auch genannt WIPUmlaufbestandHalbzeugBestand in Arbeit

Was ist Work in Progress

Work in Progress (WIP, deutsch Umlaufbestand) bezeichnet alle Aufträge, Werkstücke oder Vorgänge, die im Wertstrom angefangen, aber nicht abgeschlossen sind. In der Fertigung ist WIP das Halbzeug zwischen den Operationen. Im Büro ist WIP der Stapel halbfertiger Dossiers auf jedem Schreibtisch.

WIP ist eine der härtesten operativen Kennzahlen, weil er nicht interpretierbar ist: Man kann WIP zählen, wiegen, in Stunden umrechnen — und das Ergebnis ist eine Tatsache, keine Meinung.

Der Zusammenhang von WIP und Lead Time folgt einem mathematischen Gesetz, das in der Praxis ständig ignoriert wird:

Little’s Law: Lead Time = WIP / Durchsatz

Das heisst: Bei gleichem Durchsatz halbiert sich die Lead Time, wenn der WIP halbiert wird. Es gibt keine Ausnahme. Wer schnellere Lead Times will, muss WIP senken — alle anderen Massnahmen sind Symptombehandlung.

Schweizer Praxis-Kontext

In Schweizer KMU ist der WIP häufig viel höher, als die Geschäftsleitung annimmt. Wir sehen drei Muster:

  • “Maschinen auslasten”-Mentalität: Operatoren produzieren auf Halde, weil sie sonst stehen würden — klassisches Push-System
  • Vorsorglich produzieren: WIP als selbstverordnete Versicherung gegen Lieferanten- und Maschinenstörungen
  • Mangelnde Transparenz: Niemand kann auf Anhieb sagen, wie viele Aufträge zwischen Schweisserei und Endmontage liegen

Die finanzielle Wirkung wird oft unterschätzt. Ein KMU mit CHF 20 Mio. Umsatz und im Schnitt 8 Wochen Lead Time hat schnell drei bis fünf Millionen Franken im WIP gebunden. Bei 5 % Kapitalkosten sind das CHF 150’000 bis 250’000 jährlich, ohne dass irgendein Kunde davon einen Wert hätte.

Anwendung in der Praxis

WIP wird in vier Kontexten aktiv genutzt:

  • WIP-Caps in Pull-Systemen: eine harte Obergrenze pro Pufferplatz; ist die Grenze erreicht, wird vorgelagert nicht weiterproduziert
  • WIP als tägliche Shopfloor-Kennzahl: visualisiert auf dem Shopfloor Management-Board, jeden Tag besprochen
  • WIP als Diagnose in der Wertstromanalyse: Stunden, Tage oder Wochen Reichweite pro Bestandsstation
  • WIP-Reduktion über Kaizen-Aktionen: gezielte Reduktion einer einzelnen Bestandsstation, mit messbarer Lead-Time-Wirkung

Die Hebel zur WIP-Reduktion sind nicht überraschend, aber die konsequente Anwendung ist selten:

  1. Flow statt Batch — kleinere Lose, weniger Wartebestand
  2. Pull statt Push — produzieren nur, wenn der Nachfolger gezogen hat
  3. Kürzere Rüstzeit — kleinere Lose werden wirtschaftlich
  4. Stabilere Prozesse — weniger Sicherheits­bestand nötig

Eine WIP-Halbierung ist in vielen Schweizer KMU realistisch innerhalb von 6 bis 12 Monaten — wenn die Führung bereit ist, kurzzeitig eine niedrigere Maschinen­auslastung in Kauf zu nehmen.

Wann sinnvoll, wann nicht

WIP-Reduktion ist fast immer wirtschaftlich, hat aber Grenzen:

  • Nicht beliebig reduzierbar: Es gibt einen prozessbedingten Mindest-WIP, der für eine stabile Produktion nötig ist
  • Engpass-Theorie (Theory of Constraints): Vor dem Engpass darf WIP bewusst höher sein, um Engpass-Hunger zu verhindern
  • Hochregulierte Prozesse mit Freigabe­wartezeiten (Pharma, MedTech): WIP entsteht oft regulatorisch und ist nicht primär verschwendungs­bedingt

Ein häufiger Fehler: WIP wird ausschliesslich finanziell betrachtet (Lager­wert) und nicht zeitlich (Reichweite). Erst die Reichweite-Sicht (z. B. “drei Wochen WIP zwischen Operation 5 und 6”) macht den Lead-Time-Effekt sichtbar.

Wir empfehlen, WIP nicht zum Bonuskennwert zu machen. WIP lässt sich kurzfristig drücken, indem man die Auftrags­annahme verzögert — und damit Lead Time und Liefertreue verschlechtert.

Verwandte Begriffe

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