Lean Glossar · performance

Durchlaufzeit

Durchlaufzeit ist die Gesamtzeit vom Auftragseingang bis zur Auslieferung — der wichtigste Hebel für Cashflow, Lieferfähigkeit und Kundenzufriedenheit. Nicht zu verwechseln mit Zykluszeit.

Auch genannt Lead TimeThroughput TimeDLZLieferdurchlaufzeit

Was ist Durchlaufzeit

Durchlaufzeit (DLZ) ist die Gesamtzeit, die ein Auftrag, ein Produkt oder eine Information vom Eingang in den Prozess bis zur Auslieferung an den Kunden braucht. Sie ist die strategisch wichtigste Zeit-Kennzahl in jedem Lean-System, weil sie direkt mit Cashflow, Bestand, Lieferfähigkeit und Reaktionsfähigkeit zusammenhängt.

Die Durchlaufzeit besteht typischerweise aus:

  • Bearbeitungszeit — die wertschöpfende Zeit (Zykluszeit aufsummiert über alle Stationen)
  • Wartezeit — Zeit in Warteschlangen, Puffern, Zwischenlagern
  • Transportzeit — Zeit zwischen Stationen
  • Rüst- und Liegezeiten — Setup, Freigaben, Übergaben

Die typische Verteilung in einem nicht optimierten Schweizer Industrieprozess: 5 % wertschöpfend, 95 % wartend. Genau diese Verteilung ist der Hebel — sie zeigt, dass DLZ-Reduktion fast nie über schnellere Maschinen läuft, sondern über kürzere Warteschlangen, kleinere Losgrössen und besseren Fluss.

Durchlaufzeit vs. Zykluszeit

Häufige Verwechslung. Klare Abgrenzung:

  • Zykluszeit ist die Zeit für einen Arbeitsschritt an einer Station (z. B. CNC-Bearbeitung eines Werkstücks: 4 Minuten)
  • Durchlaufzeit ist die Zeit für den gesamten Auftrag durch alle Stationen (z. B. Werkstück vom Auftragseingang bis Versand: 12 Werktage)

Beide haben dieselbe Einheit (Zeit), aber unterschiedlichen Bezug. Die Summe aller Zykluszeiten ist typischerweise nur ein winziger Bruchteil der Durchlaufzeit — der Rest ist Warten.

Schweizer Praxis-Kontext

In Schweizer KMU ist Durchlaufzeit-Reduktion fast immer der grösste verfügbare Hebel — und gleichzeitig der am stärksten unterschätzte. Drei Beobachtungen aus dem Netzwerk:

  • Durchlaufzeit fehlt im Reporting — viele Werke messen OEE, Output und Qualität, aber nicht systematisch die Durchlaufzeit. Was nicht gemessen wird, wird nicht verbessert
  • Bestand = versteckte Durchlaufzeit — wenn 30 Aufträge in der Warteschlange liegen, dauert der 31. Auftrag mindestens so lange, wie die 30 davor brauchen. Bestand ist eingefrorene DLZ
  • Verkürzung bringt mehr, als man vermutet — eine Halbierung der DLZ verdoppelt die Kapazität bei gleichem Bestand und senkt zugleich das nötige Working Capital

Konkrete Wirkungsbeispiele aus dem Netzwerk:

  • Maschinenbauer in der Ostschweiz: DLZ einer Produktfamilie von 14 auf 6 Wochen über drei Quartale — ohne zusätzliche Schichten
  • Sachbearbeitung in einer Versicherung: DLZ von 9 auf 2 Werktage, bei gleichem Headcount
  • Spritzguss-Werk: DLZ-Reduktion durch SMED, kleinere Lose und Pull-System

Anwendung in der Praxis

Die wichtigsten Hebel zur Durchlaufzeit-Reduktion:

  • Losgrösse reduzieren — kleinere Lose, häufiger gefahren. Setzt SMED voraus
  • WIP-Limits — die maximale Zahl Aufträge im System begrenzen (Pull, Kanban)
  • Engpass-Steuerung — Theory of Constraints: nur der Engpass bestimmt den Durchsatz
  • Übergaben eliminieren — jede Übergabe produziert Wartezeit
  • Standardisierung — Variation in den Bearbeitungszeiten verlängert Warteschlangen überproportional (Queueing-Theorie)

Die Wertstromanalyse ist das Standard-Diagnosewerkzeug — sie macht die Verteilung von wertschöpfender zu nicht-wertschöpfender Zeit sichtbar.

Wann sinnvoll, wann nicht

Durchlaufzeit ist die richtige Fokus-Kennzahl, wenn:

  • Liefer-Performance kundenkritisch ist
  • Working Capital gesenkt werden soll
  • Reaktionsfähigkeit in einem volatilen Markt nötig ist

Durchlaufzeit ist nicht die primäre Kennzahl, wenn:

  • Anlagen-Auslastung der dominante Treiber ist (kapitalintensive Prozessindustrie) — dann eher OEE
  • Qualität das akute Hauptproblem ist — erst stabilisieren, dann optimieren
  • DLZ-Reduktion durch Beschleunigung statt Fluss versucht wird — das produziert Stress, nicht Wirkung

Ehrlich gesagt: Durchlaufzeit ist die Lean-Königin der Kennzahlen, weil sie Cashflow, Kapazität und Kundenzufriedenheit gleichzeitig adressiert. Werke, die sie nicht messen, verschenken den grössten Hebel.

Verwandte Begriffe

  • Zykluszeit — die Bearbeitungszeit, oft nur ein kleiner Anteil der DLZ
  • Taktzeit — die geforderte Rate, gegen die der Prozess ausgelegt wird
  • Wertstromanalyse — das Diagnosewerkzeug für DLZ
  • Lean Management — das System, in dem DLZ-Reduktion wirksam wird

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