Was ist Kanban
Kanban (japanisch 看板, «Signaltafel») ist ein Steuerungssystem für Pull-Produktion. Es wurde in den 1950er-Jahren bei Toyota von Taiichi Ohno entwickelt — inspiriert vom amerikanischen Supermarkt-Prinzip, bei dem das Regal nur dann aufgefüllt wird, wenn ein Kunde etwas herausgenommen hat.
Das Prinzip ist einfach: Anstatt Aufträge zentral einzuplanen und nach vorne in die Fertigung zu drücken (Push), zieht jeder Prozess seinen Bedarf vom vorgelagerten Prozess (Pull). Das Signal dafür ist die Kanban-Karte — physisch oder digital.
Klassische Bestandteile:
- Produktions-Kanban — signalisiert: produziere die nächste Charge
- Transport-Kanban — signalisiert: hole Nachschub aus dem Supermarkt
- Supermarkt — definierte, begrenzte Pufferbestände
- Kanban-Anzahl — berechnet aus Verbrauch, Wiederbeschaffungszeit, Schwankung
Abgrenzung: Lean-Kanban vs. Agile-Kanban
Wichtig für Schweizer Unternehmen mit Hybridorganisationen: Lean-Kanban (für Material- und Produktionssteuerung) und Agile-Kanban (für Wissensarbeit, mit Spalten wie «To Do / Doing / Done») teilen den Namen und das visuelle Prinzip — die Mechanik dahinter ist aber unterschiedlich. Lean-Kanban steuert physischen Nachschub mit definierten Mengen. Agile-Kanban steuert Arbeitsfluss mit WIP-Limits.
Schweizer Praxis-Kontext
Kanban funktioniert in der Schweiz besonders gut, wo die ERP-Welt komplex und die Disposition aufwändig ist. Viele Schweizer Werke disponieren noch nach SAP-Bedarfsplanung mit MRP-Logik — was bei kurzen Wiederbeschaffungszeiten und stabilem Verbrauch oft überflüssig ist.
Ein Kanban-Regelkreis ersetzt für gut prognostizierbare A- und B-Teile den ganzen Aufwand der Disposition und reduziert gleichzeitig den Bestand. Das ist einer der direktesten Lean-Wertbeiträge, die wir kennen.
Wir sehen Kanban in der Schweiz vor allem in:
- Werkstattfertigung mit Standardteilen (Schrauben, Halbzeuge, Verpackung)
- Lager-zu-Linie-Nachschub bei Montagelinien
- Lieferanten-Kanban für strategische C-Teile
- Krankenhaus-Logistik (steriles Material, Pharmazie)
Anwendung in der Praxis
Ein typisches Kanban-Projekt folgt diesem Muster:
- Teile-Klassifizierung — welche Teile eignen sich (hoher Verbrauch, stabile Nachfrage)?
- Verbrauchs-Analyse über 6–12 Monate
- Kanban-Anzahl berechnen mit Sicherheitsfaktor
- Supermarkt physisch einrichten — Markierungen, Behälter, Karten
- Spielregeln für Operatoren und Disponenten dokumentieren
- Pilot 4–8 Wochen mit täglichem Review
- Roll-out auf weitere Teile
Wirkung: Bestandsreduktion von 20–40 %, Wegfall manueller Bestellanforderungen, weniger Ausverkäufe.
Wann sinnvoll, wann nicht
Kanban funktioniert gut bei:
- stabilem, prognostizierbarem Verbrauch
- kurzer Wiederbeschaffungszeit relativ zum Verbrauchstakt
- standardisierten Teilen ohne ständige Variantenänderungen
- vorhandener visueller Disziplin am Shopfloor
Kanban ist die falsche Antwort bei:
- stark schwankender Nachfrage (z. B. saisonale Auftragsspitzen ohne Glättung)
- Einzelteilen oder Sonderanfertigungen
- Teilen mit sehr langer Wiederbeschaffungszeit (Übersee-Bezug)
- Organisationen ohne Shopfloor Management — niemand reagiert auf das Signal
Eine ehrliche Vorabprüfung ist eine ABC/XYZ-Analyse: Kanban ist für AX- und BX-Teile gedacht, nicht für CZ-Teile.
Verwandte Begriffe
- Takt-Zeit — definiert die Pull-Frequenz
- Wertstromanalyse — zeigt, wo Kanban-Regelkreise hingehören
- Jidoka — die zweite Säule des TPS, neben Just-in-Time
- Lean Management — das übergeordnete System
- Kaizen — die Verbesserungs-Mechanik für Kanban-Regelkreise
Weiterführende Quellen
- Ohno, T. (1988). Toyota Production System — Ohnos eigene Darstellung
- Lean Enterprise Institute (lean.org) — Kanban-Methodenbibliothek
Für eine konkrete Kanban-Einführung sprechen wir gerne über Lean Beratung und welcher Praktiker aus der Industrie zu Ihrem Material- und Produktionsfluss passt.